02.10.2017

Reisen: Überwinden und gewinnen

Schon bei uns in Deutschland springt das Quecksilber des Thermometers hin und wieder unter den Gefriergrad. In manchen Gegenden bleibt es sogar bei Minus 10 oder 15 Grad stehen - wie festgefroren. Doch es gibt natürlich Flecken auf dieser Erde, da ist es doppelt oder dreifach so kalt. Ich war in so einer Region - in Schwedisch-Lappland. Um dort hinzukommen, musste ich mich aber erst einmal überwinden. In ein Flugzeug steigen. Das unangenehme Gefühl im Magen, als die Maschine losrollt, immer schneller wird und plötzlich abhebt. Während ein Kind fasziniert auf dem Fenster sah, spürte ich mein Herz trommeln. Ein kurzer Blick nach draußen. Wir durchbrachen die Wolkendecke. Ich versuchte mich zu entspannen, zurückzulehnen, zu atmen. Es war mein dritter Flug - mit 31 Jahren.

Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, werde ich ruhiger. Das Brummen der Trubinen wirkt wie Meditation. Nach drei Stunden ist alles vorbei. Doch es kommt der schlimmste Teil: die Landung. Der Bauch spielt verrückt, die Ohren gehen auf und zu, die Hände verkrampfen sich an den Sitzlehnen. Und plopp - das Flugzeug setzt auf. "Es ist vorbei. Und wir leben alle noch!" Das ist mein erster Gedanke, der sich für Menschen ohne Flugangst ziemlich schräg anhören muss. Ja, ich weiß, es gibt viel mehr Unfälle auf den Autobahnen - und ja, ich fahre Auto. Flugangst ist nichts Rationales. Erklärungen über die Maschinen und Wartung, Beschwichtungen, Beruhigungen - das bringt alles nichts. Angst lässt sich nicht einfach ausschalten.

Dennoch hat es sich für mich gelohnt, die Angst zu überwinden. Ich habe in Lappland eine Region kennengelernt, die bezaubernd und gleichzeitig voller Extreme ist.

Ich sah nur eine Zahl: -27. Das kann nicht die Gradzahl sein. Das gibt es doch nicht. Es fühlt sich kalt an, sehr kalt sogar, aber anders als in Deutschland. Es war in Lappland nicht nur kalt, es war auch sehr trocken. Keine feuchte Luft, keine Kälte, die in die Glieder zieht, die uns erzittern lässt. Natürlich geht es ohne die richtige Kleidung auch bei einer trockenen Kälte nicht. Thermounterwäsche, Funktionsklamotten, dicke Jacken, Schals, Mützen - man sieht aus wie ein Michelinmännchen. Aber das gilt ja für alle, und von daher ist es auch kein Problem. Mode sollte in Lappland jedenfalls keine große Rolle spielen. Wer diesen nördlichen Teil von Schweden kennenlernen will, muss sich an die Gegebenheiten anpassen. Einen Laufsteg gibt es dort, wo ich war, jedenfalls nicht. Gott sei Dank.

Alles ist voller Schnee. Massen von weißem Staub - überall, meterhoch, verzierend, verzaubernd, verschönernd. Große Wagen mit Turbinen fahren über die Straßen und schleudern den Schnee an die Seite. Es ist ein Schauspiel. Mit viel Dynamik. Die Autos fahren so schnell, wie in Deutschland bei schönstem Wetter. Angst vor Unfällen? Nicht zu spüren. Es kann mancherorts turbulent sein, zumindest kurzzeitig, wenn die Sonne am höchsten steht. Weit kommt sie allerdings nicht - der Horizont ist immer nahe. Dann senkt sie sich schon wieder. Es dämmert und wird still. Seen ruhen in sich, sind voller Eis und Schnee, eingefroren, festgehalten. Am Himmel bilden sich in der Nacht schimmernde Fäden - grünlich, bläulich. Polarlichter. Nicht jeder hat Glück. Aber wer sie gesehen hat, ist fasziniert - und ein wenig erfürchtig vor diesem Schauspiel, das einfach geschieht - ohne Knopfdruck, ohne Plan.

Lappland - ist eine Reise wert. Es hat sich gelohnt, die Angst überwunden zu haben.

Gerne werde ich zurückkommen. Mich von der tiefstehende Sonne blenden lassen, im Schnee versinken, Polarlichter bestaunen, mit Schlittenhunden durch die eisige Prärie fahren, im Iglu-Hotel übernachten, Elche beobachten, die Zeit genießen - und vergessen, denn in manchen Momenten scheint die Welt in Lappland stillzustehen. . .

Herbst - schimmernd in den Tod.