03.01.2018

Die Scham der Scherben

Wir blicken aus dem Fenster. Die Straße ist leer. Minutenlang. Dann kommt ein Auto, der Blinker flackert immer wieder auf. Der Wagen rollt langsam aus. Die Bremslichter strahlen gegen die Werbetafel auf der anderen Straßenseite. Standbild. Alles ist still. Dann springt die Tür auf, ein Mann steigt aus. Er sieht sich um, geht einen Schritt, schaut noch einmal hin und her. Dann eine sichere Drehung und er steht am Kofferraum. Die Klappe schnellt hoch. Das Mann holt eine Kiste heraus - voller leerer Flaschen. Altglas. Er geht mit schnellen Schritten zu dem großen grauen Gefährten. Der klobige Container schluckt eine Weinflasche nach der anderen. Im Akkord arbeitet der Mann. Hin und wieder lukt er zur Seite. Eine zweite Kiste folgt, dann noch eine dritte. Er arbeitet unter Hochdruck die Menge ab, will schnell wieder weg, ist in Eile. Geschafft - endlich! Es knallt zwei Mal - Kofferraumklappe und Wagentür. Er fährt davon, fast unerkannt.

Die Straße ist wieder leer. Keiner zu sehen.

Ein Pärchen taucht aus dem Nichts auf. Auch sie blicken sich um. Keiner zu sehen. Los geht's. Rucksack auf, Flaschen in das Containermaul. Nichts wie weg. Oder? Die Frau zögert kurz, dann geht sie mit. Ihr kurzes Innehalten wirkt nachdenklich. Wieso? Vielleicht fragt sie sich, warum sie eigentlich so gestresst ist, weshalb sie es so eilig hat. Ja, warum?

Aus welchem Grund ist der Gang zum Altglascontainer für uns so unbehaglich? Konsum - nichts anderes verdeutlichen die stinkigen Kästen. Sie riechen nach Wein, Sekt, altem Alkohol. Sie sind schmuddelig und verbreiten kein angenehmes Gefühl. Altglascontainer - ein Ort des vergangenen Genusses, dreckig, verlassen, unbeachtet. An kaum einem anderen Fleck werden wir mit so einer harten Wahrheit konfrontiert, die wir sonst lässig mit einen weiteren Glas Wein in der Hand ausblenden können. Bis zum nächsten Mal...

Fließband der Vorurteile

Auf geht's, ab geht's!

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