03.10.2017

Die Welt einfach Welt sein lassen

Ich steige in den Bus ein, um zur Arbeit zu fahren. Ein ganz normaler Morgen. Die Gesichter meiner Mitfahrer sprechen Bände, als ich auf der Suche nach einem Sitzplatz so in die Runde schaue. Endlich einen Platz gefunden, suche ich in meinem Smartphone die richtige Musik für diesen Morgen. Meine Wahl fällt auf John Mayer - Bigger than my body.

Ein paar Minuten vergehen. Ich blicke aus dem Fenster. Der Himmel hat nur ein Dunkelgrau zu bieten und kleine Regentropfen bahnen sich ihren Weg die Scheibe hinab. Diesem tristen Anblick entfliehend schaue ich wieder durch den Bus und sehe einen Asiaten, der mit seinem Kopf melodisch schaukelt und mit den Finger seiner linken Hand über das Knie tippt. Er spielt Klavier - in Gedanken. In der Hand hält er ein Notenheft von Chopin.

Es ist ein sehenswertes Schauspiel, wie er Note für Note, Ton für Ton durchgeht und sich die Melodie gedanklich ausmalt. Wie an einem Klavier sitzt er da und spielt. Ganz für sich allein.

Als er bemerkt, dass ich ihn beobachte, ist ihm sein Handlung unangenehm. Peinlich berührt schlägt er das Notenheft zu und starrt regungslos aus dem Fenster. Mich stimmt das traurig. Seit wann muss man sich für seine Leidenschaft schämen? Es ist wundervoll, wenn wir in etwas aufgehen können. Wenn wir uns frei fühlen, dahinschwelgen und die Welt einfach Welt sein lassen.

Und dann höre ich John Mayer in meinem Ohr und denke mir: Das passt genau.

Someday I'll fly
Someday I'll soar
Someday I'll be so damn much more
Cause I'm bigger than my body.

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